Deutschland hat erstmals kanadisches Flüssigerdgas (LNG) bestellt. Am Mittwoch wurden entsprechende Verträge unterzeichnet, die ab Anfang der 2030er-Jahre eine jährliche Lieferung von einer Million Tonnen LNG vorsehen. Die Lieferungen sollen über einen Zeitraum von 20 Jahren erfolgen. Auch wenn diese Menge nur etwa eineinhalb Prozent des deutschen Jahresverbrauchs von 2025 entspricht, handelt es sich um einen historischen Schritt: Es ist die erste direkte Lieferung kanadischen LNGs nach Europa überhaupt.
Der Vertrag und seine Akteure
Importeur auf deutscher Seite ist die Sefe (Securing Energy for Europe), die ehemalige Gazprom Deutschland, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine unter Zwangsverwaltung der Bundesregierung gestellt wurde. Auf kanadischer Seite steht ein Konsortium namens Ksi Lisims LNG, das aus dem indigenen Volk der Nisga'a Lisims, der Gruppe kanadischer Erdgasförderer Rockies LNG Partners und dem texanischen Finanzierungs- und Managementexperten Western LNG besteht. Auch das benachbarte Volk der Kitselas unterstützt das Projekt. Die Nisga'a sind ein indigenes Volk im nördlichen British Columbia, das seit Jahrhunderten in der Region lebt und 1998 nach langen Verhandlungen einen umfassenden Land- und Selbstverwaltungsvertrag mit der kanadischen Regierung abschloss. Das Projekt Ksi Lisims ist ein zentraler Bestandteil ihrer wirtschaftlichen Entwicklung.
Der Weg des Gases: Von der Förderung bis nach Europa
Das Erdgas wird in der Montney Formation im Nordosten von British Columbia gefördert, einem der ergiebigsten Erdgasvorkommen Kanadas. Von dort soll es über eine rund 900 Kilometer lange Pipeline quer durch die Provinz zur Pazifikinsel Pearse transportiert werden. Die Pipeline muss noch von Dritten gebaut werden. Auf Pearse, einer unbewohnten Insel etwa halb so groß wie das deutsche Bundesland Bremen und direkt an der Südgrenze Alaskas gelegen, befinden sich zwei geplante schwimmende LNG-Terminals (FLNG) namens Ksi Lisims. Diese Terminals werden fernab errichtet und dann über den Pazifik zur Insel geschleppt, um die Bauauswirkungen auf die Umwelt zu minimieren. Von Pearse aus werden LNG-Tankschiffe das verflüssigte Erdgas entlang der Westküste Nord- und Zentralamerikas, durch den Panamakanal und schließlich nach Europa bringen. Der Seeweg ist lang, aber angesichts der geopolitischen Lage für Europa attraktiv.
Umweltfreundlichkeit und Infrastruktur
Ein Werbefilm des Konsortiums betont die Umweltfreundlichkeit von Ksi Lisims: Die Treibhausgasemissionen pro umgesetzter LNG-Menge sollen 90 Prozent unter den üblichen Emissionen von LNG-Terminals liegen. Dies wird durch die Nutzung von Wasserkraft aus der Provinz erreicht. British Columbia plant ohnehin, eine 450 Kilometer lange Hochspannungsleitung zwischen Prince George und Terrace zu erweitern. Fehlt nur noch eine 120 Kilometer lange Anbindung durch das Nass-Tal nach Ksi Lisims. Allerdings muss die Provinz neue Kraftwerke bauen lassen, da der Strombedarf bis 2035 um etwa 60 Prozent steigen dürfte. Die Umweltvorteile sind jedoch nicht unumstritten: Kritiker weisen darauf hin, dass die Förderung und der Transport von Erdgas mit Methanlecks verbunden sind, die das Klima belasten. Die Nisga'a und ihre Partner versichern, modernste Technologien zur Vermeidung von Leckagen einzusetzen.
Wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung
Ksi Lisims soll frühestens Ende 2027 als zweitgrößtes LNG-Exportterminal Kanadas in Betrieb gehen und jährlich rund zwölf Millionen Tonnen LNG exportieren können. Ursprünglich war nur der Export nach Asien vorgesehen, wofür sich Shell und TotalEnergies bereits Verträge mit 20 Jahren Laufzeit gesichert haben. Doch Europa will seine Abhängigkeit von russischem Erdgas reduzieren, sodass selbst so lange Lieferwege wie vom Westen Kanadas über den Panamakanal nach Europa infrage kommen. Gleichzeitig möchte Kanada seine Exportmärkte diversifizieren, um die Abhängigkeit von den USA zu verringern, die traditionell der größte Abnehmer kanadischen Erdgases sind. Theoretisch wären auch Erdgas-Swaps denkbar: Kanadisches LNG würde nach Asien verschifft und gegen Gas getauscht, das sonst aus Katar nach Asien gelangt. Angesichts der angespannten Lage in der Golfregion ist dieser Ansatz derzeit jedoch impraktikabel.
Genehmigungen und nächste Schritte
Die für Ksi Lisims notwendigen behördlichen Genehmigungen liegen bereits vor. Was noch fehlt, ist die endgültige Investitionsentscheidung im Umfang von rund 10 Milliarden kanadischen Dollar (gut sechs Milliarden Euro). Diese Entscheidung dürfte bald fallen, da mit Sefe, Shell und TotalEnergies nun drei langfristige Abnehmer feststehen. Das größte Hindernis sind Klagen gegen die notwendige Pipeline. Die kanadische Bundesregierung hat Ksi Lisims zum sogenannten Major Project erklärt, das von besonderem nationalen Interesse ist und daher beschleunigt genehmigt werden soll. Die Nisga'a sehen in dem Projekt eine Chance, wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen und die Lebensbedingungen in ihren Gemeinden zu verbessern. Das Projekt schafft Arbeitsplätze und Einkommen, die in die soziale Infrastruktur fließen sollen. Gleichzeitig achten die indigenen Partner darauf, dass ihre traditionellen Gebiete und Gewässer geschützt werden. Das Projekt Ksi Lisims zeigt, wie indigene Völker in Kanada zunehmend als gleichberechtigte Partner in der Rohstoffwirtschaft auftreten und selbstbestimmt über ihre Ressourcen verfügen. Dieser Trend spiegelt sich auch in anderen großen Infrastrukturprojekten in Kanada wider, bei denen indigene Gruppen Miteigentümer oder Hauptakteure sind. Der Deal mit Deutschland unterstreicht zudem die strategische Rolle Kanadas als verlässlicher Energielieferant für demokratische Staaten, die ihre Energieversorgung diversifizieren wollen. Während die Verhandlungen über den endgültigen Investitionsbeschluss laufen, beobachten Experten die Entwicklung genau. Sollte das Projekt realisiert werden, könnte es einen Präzedenzfall für weitere indigen geführte Energieexporte nach Europa darstellen. Die Partnerschaft zwischen den Nisga'a und den deutschen Abnehmern ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und politisch bedeutsam: Sie zeigt, dass nachhaltige und verantwortungsvolle Energieprojekte möglich sind, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die ambitionierten Pläne von Ksi Lisims verwirklicht werden können. Die Weichen sind gestellt, und der Bedarf an Alternativen zu russischem Gas ist in Europa so groß wie nie zuvor. Die Antwort aus Kanada kommt – mit einer Stimme, die lange nicht gehört wurde: der der Ureinwohner. Und sie wird in Deutschland und anderen europäischen Ländern angekommen.
Source: heise online News