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Putins Popularität sinkt: „Das könnte zum Trigger für einen Kampf im Machtapparat werden“

May 16, 2026  Twila Rosenbaum  17 views
Putins Popularität sinkt: „Das könnte zum Trigger für einen Kampf im Machtapparat werden“

Historischer Kontext: Putins Popularität im Wandel

Wladimir Putin galt über zwei Jahrzehnte hinweg als unangefochtener Herrscher Russlands, dessen Popularität – obwohl durch die offizielle Propaganda gestützt – lange Zeit tatsächlich auf einem hohen Niveau verharrte. Die Annexion der Krim 2014 und die damit verbundene nationalistische Euphorie ließen seine Zustimmungswerte auf Rekordhöhen um 85 bis 90 Prozent steigen. Doch der Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 veränderte das Bild grundlegend. Zwar gab es Anfangs eine Welle patriotischer Unterstützung, doch mit der Zeit mehrten sich Risse im öffentlichen Meinungsbild. Die anhaltenden militärischen Verluste, die wirtschaftlichen Sanktionen und die Teilmobilmachung im September 2022 führten zu wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Offizielle Umfragen des staatlichen Instituts Wziom zeigten dennoch bis April 2023 eine relative Stabilität.

Der Abwärtstrend und das abrupte Ende der Datenveröffentlichung

Mitte April 2023 wurde jedoch ein bemerkenswerter Trend sichtbar: Die Zustimmung zu Putins Arbeit sank sieben Wochen in Folge, von 78 Prozent auf etwa 75 Prozent – ein für russische Verhältnisse signifikanter Rückgang. Am 24. April stellte Wziom die wöchentliche Veröffentlichung der Daten ohne offizielle Begründung ein. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die Niederlagen in den ukrainischen Regionen Cherson und Charkiw die Schlagzeilen dominierten und die Diskussion über eine zweite Mobilmachungswelle an Fahrt gewann. Experten sehen darin einen klaren Versuch, die öffentliche Wahrnehmung zu kontrollieren. „Der Kreml kann es sich nicht leisten, offiziell einzuräumen, dass der ‚starke Führer‘ an Popularität verliert. Das würde das Narrativ der unerschütterlichen Unterstützung untergraben“, erklärt der Politikwissenschaftler Iwan Preobraschenski in einem Interview.

Gründe für den Popularitätsverlust

1. Militärische Rückschläge und hohe Verluste

Die russische Armee hat in der Ukraine enorme Verluste erlitten, die nicht länger zu verheimlichen sind. Offizielle Zahlen werden zwar nicht genannt, doch unabhängige Medien wie Mediazona und BBC Russia schätzen die Zahl der getöteten russischen Soldaten auf über 50.000 bis Mitte 2023. Jeder Todesfall trifft eine Familie und ein soziales Umfeld, sodass die Unzufriedenheit schleichend wächst. Hinzu kommen die gescheiterten Offensiven und das Eingestehen von Fehlern durch das Verteidigungsministerium. Der Abzug aus Cherson im November 2022 war eine Demütigung für die russische Armee und den Präsidenten persönlich.

2. Wirtschaftliche Belastungen durch Sanktionen

Die westlichen Sanktionen haben die russische Wirtschaft massiv getroffen. Zwar konnte sich das Land durch Energieexporte nach China und Indien teilweise über Wasser halten, doch die Inflation, die Abwertung des Rubels und der Mangel an westlichen Konsumgütern belasten die Bevölkerung. Die Preise für Lebensmittel und Grundbedarfsgüter stiegen 2023 um über 15 Prozent. Viele Russen spüren den Wohlstandsverlust unmittelbar. Die staatliche Propaganda versucht, dies als vorübergehende Härte darzustellen, doch die Unzufriedenheit wächst besonders unter der Mittelschicht in den Großstädten.

3. Die Teilmobilmachung als Wendepunkt

Die Ankündigung der Teilmobilmachung am 21. September 2022 war ein Schock für die russische Gesellschaft. Hunderttausende Männer im wehrfähigen Alter flohen ins Ausland, vor allem nach Kasachstan, Georgien und in die Türkei. Diejenigen, die blieben, mussten mit ansehen, wie ihre Söhne, Brüder und Ehemänner ohne ausreichende Ausrüstung an die Front geschickt wurden. Die Mobilisierungspraxis war chaotisch, oft wurden auch Zehntausende von Menschen eingezogen, die eigentlich aus medizinischen oder beruflichen Gründen befreit waren. Dieses Ereignis markierte den tiefsten Einschnitt in Putins Verhältnis zur Bevölkerung seit den Rentenreformprotesten 2018.

Die Rolle von Wziom und die Manipulation der Statistik

Wziom ist nicht irgendein Meinungsforschungsinstitut. Es ist dem Kreml direkt unterstellt und gilt als verlängerter Arm der Präsidialverwaltung. Seine Umfragen sind bekannt dafür, sie zugunsten der offiziellen Linie zu frisieren. Dennoch gaben sie immerhin einen groben Trend wieder. Dass Wziom die Veröffentlichung stoppte, deutet darauf hin, dass die Authentizität der Daten selbst für die Propagandamaschine zu unangenehm geworden war. „Ein Abschalten der Publikation ist ein klares Signal für interne Krisenstimmung. Wenn man nicht einmal mehr das offizielle Bild aufrechterhalten kann, dann sind die wahren Zustimmungswerte möglicherweise noch viel niedriger“, sagt die Soziologin Jelena Korotajewa, die Russland 2022 verlassen hat. Experten schätzen, dass die Zustimmung real bei 50 bis 60 Prozent liegen könnte, was für einen Autokraten wie Putin dennoch ein hoher, aber tendenziell gefährlicher Wert ist, weil er die Risse im System offenbart.

Mögliche Konsequenzen für den Machtapparat

Der sinkende Popularitätsrückgang könnte nach Einschätzung von Politologen zu internen Machtkämpfen im Kreml führen. Bisher hielten die Eliten aus Geheimdienst, Militär und Bürokratie geschlossen zu Putin, weil er den Wohlstand und die Stabilität garantierte. Je brüchiger jedoch sein Image als unbesiegbarer Führer wird, desto stärker könnten konkurrierende Fraktionen ihre eigenen Positionen vorbereiten. Besonders das Lager um Jewgeni Prigoschin (der damals noch nicht tot war) – den Chef der Söldnergruppe Wagner – und die Militärführung unter General Gerassimow lieferten sich zunehmend öffentliche Machtkämpfe. Prigoschin forderte mehr Autonomie und warf dem Verteidigungsministerium Inkompetenz vor. Diese Rivalität spiegelt tiefere Konflikte innerhalb des Systems wider.

Das „Glasnost“ aus Angst

Interessanterweise begann die russische Führung gleichzeitig, die Repressionspolitik zu verschärfen. Gesetze gegen „Fake News“ über die Armee wurden ausgeweitet, unabhängige Medien endgültig verboten und oppositionelle Aktivisten zu langen Haftstrafen verurteilt. Dies zeigt, dass der Kreml die öffentliche Meinung nicht mehr allein mit Propaganda kontrollieren kann, sondern zunehmend auf Gewalt setzt. Die Einstellung der Umfrageveröffentlichung ist der Höhepunkt dieser Entwicklung: Man will die Realität nicht mehr sehen, weil man die Konsequenzen fürchtet.

Internationale Perspektive

Die sinkende Popularität Putins ist auch international ein wichtiges Signal. Westliche Geheimdienste analysieren solche Indikatoren, um den Zusammenhalt des Feindes zu bewerten. Die USA und die EU hoffen auf eine innere Erosion des Regimes, die zu einem Verhandlungsfrieden oder gar zum Sturz Putins führen könnte. Allerdings ist selbst bei sinkender Zustimmung die Geschlossenheit der russischen Elite nicht automatisch gefährdet. Historische Beispiele wie die späte Sowjetunion zeigen, dass ein Regime lange ohne breite Unterstützung überleben kann, solange die Repressionsapparate intakt bleiben.

Fazitartige Einordnung (ohne Schlussfolgerung)

Die Entscheidung von Wziom, die wöchentliche Veröffentlichung von Umfragen einzustellen, ist ein deutliches Indiz für die Nervosität im Kreml. Der Popularitätsverlust mag mit etwa drei Prozentpunkten gering erscheinen, aber er unterbricht die jahrelange Serie von steigenden oder stabilen Daten. Das Phänomen ist eingebettet in eine größere Krise, die durch den Ukrainekrieg, wirtschaftliche Not und innenpolitische Repression gekennzeichnet ist. Ob daraus offene Machtkämpfe werden oder ob Putin die Kontrolle behält, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem vom weiteren Kriegsverlauf und der Loyalität der Sicherheitskräfte. Die folgenden Wochen dürften zeigen, ob die stillgelegten Umfragen nur eine kurze Atempause sind oder der Beginn einer tieferen Erschütterung des russischen Systems.

Im Hintergrund läuft bereits eine Art Stellvertreterkrieg innerhalb des Machtapparats. Die Fraktion der „Falken“, die für eine totale Mobilmachung und eine Eskalation des Krieges eintritt, steht gegen die vorsichtigeren „Technokraten“, die eine Stabilisierung der Wirtschaft und ein Einfrieren des Konflikts fordern. Die Schauplätze dieses Konflikts sind nicht öffentlich, aber sie manifestieren sich in Entscheidungen über Haushaltskürzungen, Personalwechsel und eben der Zensur von Meinungsumfragen. Die Bevölkerung bleibt von diesen Debatten weitgehend ausgeschlossen, doch ihre tatsächliche Stimmung – wie sie in sozialen Netzwerken oder bei Wahlfälschungsversuchen sichtbar wird – ist ein relevanter Faktor, den die Eliten nie völlig ignorieren können.


Source: Tagesspiegel News


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