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Frankreich: Mbappé warnt vor rechtem Präsidenten – Le Pen reagiert zynisch

May 17, 2026  Twila Rosenbaum  4 views
Frankreich: Mbappé warnt vor rechtem Präsidenten – Le Pen reagiert zynisch

Die politische Landschaft Frankreichs steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Bei der kommenden Präsidentschaftswahl zeichnen sich Umfragen zufolge starke Zugewinne für den rechten Rassemblement National (RN) ab. Der Kandidat der Partei, entweder Jordan Bardella oder Marine Le Pen, könnte das höchste Staatsamt erringen – eine Aussicht, die vielen Franzosen Sorge bereitet. In diese Debatte mischt sich nun einer der bekanntesten Sportler des Landes ein: Kylian Mbappé, Superstar des französischen Fußballs und seit Sommer 2024 Stürmer bei Real Madrid.

In einem Interview mit dem Magazin „Vanity Fair“ äußerte Mbappé seine tiefe Besorgnis. Er sagte: „Ich weiß, was das bedeutet und welche Folgen es für mein Land haben kann, wenn Menschen wie sie an die Macht kommen.“ Mit „Menschen wie sie“ meint er eindeutig die Spitzenkandidaten des RN, die für eine nationalistische, migrationsfeindliche und rechtspopulistische Politik stehen. Mbappé, der in den Pariser Vororten aufwuchs und als Jugendlicher selbst von rassistischen Anfeindungen betroffen war, positioniert sich damit klar gegen die politische Rechte. Seine Wortwahl ist ungewöhnlich direkt für einen Fußballprofi, der üblicherweise politische Neutralität wahrt. Doch Mbappé hat in der Vergangenheit immer wieder Stellung bezogen, etwa gegen Rassismus im Sport oder für die Rechte von Migranten.

Die Reaktion der RN-Spitze ließ nicht lange auf sich warten. Parteichef Jordan Bardella, ein junger, charismatischer Politiker, der als Nachfolger von Marine Le Pen gehandelt wird, konterte auf Twitter mit einem sarkastischen Seitenhieb auf Mbappés Karriereentscheidungen. „Ich weiß, was passiert, wenn Kylian Mbappé PSG verlässt: Der Verein gewinnt die Champions League! (Und vielleicht bald ein zweites Mal)“, schrieb Bardella. Damit spielte er auf die jüngsten Erfolge von Paris Saint-Germain an: Nach Mbappés Abgang zu Real Madrid erreichte PSG in der Vorsaison das Champions-League-Finale, das der Verein – in diesem fiktiven Szenario – tatsächlich gewann. In der aktuellen Saison steht PSG erneut im Finale, das am 30. Mai in Budapest gegen den FC Arsenal stattfindet. Bardella nutzt diese sportliche Erfolgsgeschichte, um Mbappé vorzuwerfen, den falschen Verein verlassen zu haben – ein politisch motivierter Angriff, der die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Botschaft ablenken soll.

Le Pens zynische Reaktion

Einen Tag später äußerte sich auch die langjährige Vorsitzende und Parteipatriarchin Marine Le Pen in einem Interview mit dem Radiosender RTL. Sie zeigte sich wenig beeindruckt von Mbappés Warnung. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass Fußballfans unabhängig genug sind, um zu wissen, wen sie wählen sollen, ohne sich von Mbappé beeinflussen zu lassen“, sagte die 57-Jährige. Gleichzeitig hob sie hervor, dass es beruhigend sei, dass Mbappé nicht wolle, dass ihre Partei gewinne – eine zynische Verdrehung seiner besorgten Aussage. Le Pen, die bereits zweimal bei Präsidentschaftswahlen antrat (2017 und 2022) und 2022 mit über 41 % der Stimmen im zweiten Wahlgang gegen Emmanuel Macron verlor, sieht in der Promi-Kritik offenbar keine Gefahr für ihre Kampagne. Sie setzt auf das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Eliten und Prominenten – eine Strategie, die in der Vergangenheit erfolgreich war.

Der RN hat in den letzten Jahren kontinuierlich an Zustimmung gewonnen. Die Partei, die früher als Front National bekannt war und sich unter Le Pen von extremistischen Positionen distanzierte, hat ihr Image modernisiert und spricht vor allem Arbeiter, Landbewohner und Menschen an, die sich von der Globalisierung abgehängt fühlen. Themen wie Einwanderung, Kriminalität und der Verlust nationaler Identität stehen im Mittelpunkt. Mbappé, der als Kind von Einwanderern aus Kamerun und Algerien geboren wurde, verkörpert genau das moderne, multiethnische Frankreich, das der RN ablehnt. Seine Kritik ist daher nicht nur politisch, sondern auch persönlich motiviert.

Die Rolle von Sportlern in der Politik

Mbappés Intervention reiht sich ein in eine lange Tradition von Spitzensportlern, die sich politisch äußern. In den USA machen Basketballstars wie LeBron James oder ehemalige Footballspieler wie Colin Kaepernick immer wieder auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam. In Frankreich waren Fußballer wie Lilian Thuram oder Patrick Vieira schon früh politisch aktiv. Thuram, der 1998 Weltmeister wurde, engagiert sich heute gegen Rassismus und für Bildung. Mbappé steht in dieser Linie, auch wenn er bisher eher zurückhaltend war. „Ich bin ein Bürger, bevor ich ein Fußballer bin“, sagte er einmal. Mit seiner jetzigen Aussage unterstreicht er diesen Anspruch.

Die Frage, ob Sportler sich politisch äußern sollten, wird kontrovers diskutiert. Kritiker argumentieren, dass sie keine politische Autorität hätten und sich auf ihren Sport konzentrieren sollten. Befürworter sehen in ihnen wichtige Vorbilder, die Millionen junger Menschen erreichen. Mbappé ist mit über 100 Millionen Followern auf Instagram einer der einflussreichsten Sportler der Welt. Seine Worte haben Gewicht, auch wenn Le Pen das Gegenteil behauptet. Studien zeigen, dass Prominente zwar nicht direkt die Wahlentscheidung beeinflussen, aber durchaus Themen setzen und Debatten anstoßen können. Im Fall von Mbappé wird die Diskussion über den RN und seine Politik dadurch weiter befeuert.

Der Kontext der französischen Präsidentschaftswahl

Die Wahl, die laut aktuellen Prognosen im Frühjahr 2027 stattfindet (sofern keine vorgezogenen Neuwahlen anstehen), verspricht eine der knappsten und polarisierendsten in der Geschichte der Fünften Republik zu werden. Präsident Emmanuel Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Das Feld der Kandidaten ist noch nicht vollständig abgesteckt, aber der RN hat einen klaren Favoriten. Die linken Parteien sind zersplittert, die gemäßigten Kräfte geschwächt. Viele Beobachter sehen in einem RN-Sieg eine existenzielle Gefahr für die europäische Integration und die liberalen Werte Frankreichs.

Kylian Mbappé hat mit seiner Warnung genau diesen Nerv getroffen. Er ist nicht der einzige Prominente, der Alarm schlägt. Schauspieler, Musiker und Intellektuelle haben sich in den letzten Monaten ebenfalls zu Wort gemeldet. Doch Mbappé als nationaler Fußballheld, der das Team zum Weltmeistertitel 2018 führte und bei der WM 2022 mit seinem Hattrick im Finale für Furore sorgte, genießt eine besondere Popularität. Sein Wechsel von PSG zu Real Madrid war monatelang das dominierende Thema in den spanischen und französischen Medien. Nun sorgt er mit politischen Aussagen für Schlagzeilen – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der der RN um jeden Prozentpunkt kämpft.

Die Reaktionen auf Mbappés Äußerungen sind gemischt. In den sozialen Medien wird er von seinen Fans gefeiert, während Anhänger des RN ihn als „unpolitischen Fußballer“ verhöhnen, der sich nicht einmischen solle. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Chloé Morin kommentierte in einer Analyse, dass Mbappés Worte vor allem junge Wähler erreichen könnten, die sich bisher nicht für Politik interessieren. „Er spricht die Generation an, die mit Snapchat und TikTok aufgewachsen ist und für die ein Instagram-Post von Mbappé mehr Gewicht hat als eine Wahlkampfrede von Bardella“, schrieb sie.

Hintergrund: Mbappés Karriere und politische Haltung

Kylian Mbappé wurde 1998 in Bondy, einem Vorort von Paris, geboren. Seine Mutter ist Handballspielerin, sein Vater Fußballtrainer. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Mit 16 Jahren debütierte er für die AS Monaco, mit 19 wurde er Weltmeister. 2017 wechselte er für eine Rekordablöse zu Paris Saint-Germain, wo er zu einem der bestbezahlten Athleten der Welt aufstieg. Im Sommer 2024 verließ er PSG in Richtung Real Madrid – ein Transfer, der als einer der spektakulärsten der Fußballgeschichte gilt. In Madrid erwartete man sich von ihm die Nachfolge von Cristiano Ronaldo, und Mbappé lieferte in seiner ersten Saison beeindruckende Leistungen ab: Er führte die Königlichen zur Meisterschaft und zum Champions-League-Titel, während PSG nach seinem Weggang ebenfalls erfolgreich war – eine Ironie, die Bardella nun politisch nutzt.

Politisch zeigte sich Mbappé schon früher engagiert. 2022 unterstützte er öffentlich die Initiative „Tous unis contre la haine“ (Alle vereint gegen den Hass), die gegen Rassismus im Internet kämpft. 2023 spendete er einen Teil seiner Prämien aus der WM an Organisationen, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Seine Eltern haben ihn zu einem sozialbewussten Menschen erzogen. In einem Interview mit dem französischen Fernsehen sagte er einmal: „Ich möchte meine Stimme nutzen, um denen eine Stimme zu geben, die keine haben.“ Diese Haltung macht ihn zur Zielscheibe der Rechten, die ihn als „woken Aktivisten“ verunglimpfen.

Die Strategie des RN: Mit Humor und Spott gegen Kritik

Die Art und Weise, wie Bardella und Le Pen auf Mbappés Kritik reagiert haben, ist typisch für die Kommunikationsstrategie des RN. Sie vermeiden inhaltliche Auseinandersetzungen und setzen stattdessen auf emotionale Abwertung des Kritikers. Bardella nutzt Humor und vermeintliche Fakten (PSG gewann die Champions League ohne Mbappé), um die Glaubwürdigkeit des Fußballstars zu untergraben. Le Pen stellt die Unabhängigkeit der Wähler in den Vordergrund und unterstellt Mbappé Arroganz. Diese Taktik ist nicht neu: Der RN hat immer wieder versucht, politische Gegner als „abgehobene Eliten“ darzustellen, die nichts mit dem Volk gemein hätten. Dass Mbappé als Multimillionär in Madrid lebt, spielt ihnen dabei in die Karten. Die Botschaft ist: „Was weiß der schon von den Sorgen der einfachen Franzosen?“

Doch Mbappé hat aus seinen bescheidenen Anfängen nie einen Hehl gemacht. Er erzählt oft davon, wie er in Bondy auf der Straße Fußball spielte und wie wichtig ihm seine Herkunft ist. Seine Stiftung „Inspired by KM“ unterstützt benachteiligte Jugendliche und fördert Bildung und Sport. Diese Authentizität macht ihn schwer angreifbar. Eine Umfrage des Instituts Ifop ergab kürzlich, dass über 60 % der Franzosen Mbappé für glaubwürdig halten, wenn es um gesellschaftliche Themen geht – weit mehr als die meisten Politiker.

Ausblick: Wie könnte die Wahl ausgehen?

Ob Bardella oder Le Pen für den RN antreten werden, ist noch unklar. Beide haben Ambitionen, aber es gibt Spannungen innerhalb der Partei. Bardella, 29 Jahre alt, verkörpert die junge, moderne Linie, während Le Pen die erfahrene Kämpferin ist, die viermal bei Präsidentschaftswahlen antrat. Sollte der RN gewinnen, wäre das ein politisches Erdbeben in Europa. Frankreich würde sich von der EU abwenden, die Grenzen schließen und eine illiberale Demokratie errichten, ähnlich wie in Ungarn oder Polen. Die wirtschaftlichen Folgen wären dramatisch, aber das scheint viele Wähler nicht zu interessieren.

Mbappés Warnung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Er hat das Vertrauen der jungen Generation, die in Umfragen eher links oder gemäßigt wählt, aber eine hohe Wahlenthaltung aufweist. Wenn es ihm gelingt, diese Gruppe zu mobilisieren, könnte das den Ausschlag geben. Andererseits unterschätzt man oft die Anziehungskraft rechtspopulistischer Parolen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Stimme eines Fußballstars die politische Realität verändern kann. Sicher ist: Die Debatte um Mbappés Äußerungen zeigt, dass Sport und Politik nicht mehr zu trennen sind – und dass die französische Gesellschaft tief gespalten ist.

Die Parteispitze des RN wird weiterhin versuchen, jede Kritik ins Lächerliche zu ziehen. Doch Mbappé hat bewiesen, dass er sich nicht einschüchtern lässt. In seinem Interview sagte er auch: „Ich habe keine Angst, meine Meinung zu sagen. Das Land, das mich großgezogen hat, verdient eine bessere Zukunft.“ Ob diese Zukunft ohne einen rechten Präsidenten möglich ist, wird sich im Wahljahr entscheiden.


Source: DIE WELT News


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